Auf den Spuren des verschollenen Magdeburger Zuckerhistorikers Rudolf E. Grotkaß

Erhard, Junghans; Guntwin, Bruhns

Die deutsche Zuckerindustrie hat das Glück, daß sich bereits wenige Jahrzehnte nach ihrem Entstehen hervorragende Zuckerfachleute, Gelehrte und Historiker mit ihrer Wiegengeschichte befaßt haben. Ihnen verdanken wir ein nahezu geschlossenes Geschichtsbild des neuen Industriezweiges. Persönlichkeiten, wie Carl Bittmann, Alwin Rümpler, Carl Scheibler, Edmund Oskar von Lippmann u.a., haben sich hierbei besonders verdient gemacht. Im 20. Jahrhundert wurden unsere Kenntnisse auf diesem Gebiet durch Max Speter, Wilhelm Stieda, Karl Ulrich, Jakob Baxa und nicht zuletzt durch den Magdeburger Historiker Rudolf E. Grotkaß noch wesentlich erweitert, dessen Name in den 20er und 30er Jahren in der Zuckerindustrie weit bekannt war. Grotkaß’ Verdienste um die geschichtliche Aufarbeitung der Frühperiode der deutschen Zuckerindustrie, besonders um die Vervollständigung der Biographie ihres Begründers Franz Carl Achard, waren Veranlassung, uns mit ihm zu befassen und an das Schicksal dieses Mannes zu erinnern, der vor 46 Jahren spurlos verschwunden ist. Die Recherche war nicht einfach und blieb deshalb leider auch lückenhaft und unvollkommen. Rudolf E. Grotkaß wurde am 25. September 1886 in Dohnan, Ungarn, heute Slowakei, geboren. Seine Schulbildung erhielt er in Brünn, Wittenberge (oder Lutherstadt Wittenberg?) und Dessau. Es folgte eine landwirtschaftliche Tätigkeit auf dem Familiengrundbesitz in Ungarn. Anschließend war er Volontär bei einer Rübenzuchtstation und begann danach ein chemisches Studium in Berlin. Er arbeitete in Laboratorien von deutschen und amerikanischen Zuckerfabriken und beschäftigte sich auch mit dem Reisanbau in Texas. Anschließend hielt er sich studienhalber in Frankreich auf und vervollkommnete seine französischen Sprachkenntnisse. Von 1912 bis 1918 leitete er einen Teil des Familienbesitzes in Ungarn. Nach dessen Verkauf vertrat er deutsche Samenzüchtereien bei amerikanischen Zuckerfabriken. Seit 1922 wohnte Grotkaß in Magdeburg, dem damaligen Zentrum der deutschen Zuckerwirtschaft, und wird in der Folge als Fachschriftsteller, Statistiker und Sachverständiger für die Zuckerindustrie bei den Finanzgerichten in Magdeburg und in Berlin-Brandenburg bezeichnet. Vermutlich haben ihn verwandtschaftliche Beziehungen nach Magdeburg geführt: um 1907 gab es in Magdeburg in der Großen Diesdorfer Straße Nr. 11 die Rübensamenfirma Ernst Grotkaß. Auch sonst taucht der seltene Name in Magdeburger Adreßbüchern noch einige Male auf. l933 unterhielt Rudolf E. Grotkaß in Magdeburg in der Bahnhofstraße 49a ein Büro und wohnte in dem bereits genannten Haus in der Großen Diesdorfer Straße. Nachher ist er in ein repräsentatives Haus der Stettiner Nationalversicherung in der Augustastraße (später Hegelstraße) 40 umgezogen und war als US-Staatsbürger gemeldet. Die ersten Veröffentlichungen von Grotkaß in den deutschen Zukkerzeitschriften erschienen über die vom Verein der Deutschen Zuckerindustrie und dem Verein Deutscher Zuckertechniker im Jubiläumsjahr 1925 veranstaltete große Zuckerausstellung in Magdeburg. Zur Eröffnung der Ausstellung gab die ,,Magdeburger Zeitung” am 31. Mai 1925 eine Zuckernummer heraus mit einen Auszug aus seiner Arbeit ,,Die Rübenzuckerfabrikation im Magdeburgischen. Ihre Geschichte während der Kontinentalsperre unter der französisch-westfälischen Herrschaft und weiter bis zum Jahre 1826″, die in der Zeitschrift des Vereins der Deutschen Zuckerindustrie 75 (1925) 875-902 veröffentlicht wurde. Eine erweiterte Fassung ,,Die Zuckerfabrikation im Magdeburgischen, ihre Geschichte vor und während der Kontinentalsperre sowie weiter bis zum Jahre 1827, dem Beginn der neuen Periode” bearbeitet auf Grund von Akten in den Geheimen Preußischen Staatsarchiven in Berlin, Breslau und Magdeburg, des Stadtarchivs der Industrie- und Handelskammer zu Magdeburg und anderer Quellen erschien 1927 als Buch (242 Seiten) in der Reihe ,,Magdeburgs Wirtschaftsleben in der Vergangenheit”. In dieser Publikation findet man zum ersten Mal detaillierte Angaben zur Rübenzuckerfabrikation im Magdeburger Raum und besonders im Stadtgebiet während der ersten Blüteperiode des Industriezweiges. In der Besprechung schrieb E.O. von Lippmann, daß sie ,,in jeder Richtung größten Lobes wert” sei. Für seine historischen Arbeiten erhielt Grotkaß 1929 die Ehrenmedaille der Gesellschaft für Geschichte und Literatur der Landwirtschaft. Im Centralblatt für die Zuckerindustrie veröffentlichte Grotkaß 1927, 1929 und 1931 ,,Fragmente zur Geschichte des Rübensamens und der Rübenzucht” sowie 1929 und 1931 die Arbeit ,,Franz Carl Achards Beziehungen zum Ausland, seine Anhänger und Gegner”, von der ein Sonderdruck (68 Seiten) erschien. In der Rezension schreibt E.O. von Lippmann: ,,Obwohl gering an Umfang, faßt dieses Buch eine ungewöhnliche Summe von Arbeiten und Nachforschungen zusammen, die, auf Grund des in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Archiven aller Länder enthaltenen Materials, einen wichtigen Beitrag zur Anfangsgeschichte unserer Industrie liefern.” Weitere historische Arbeiten Grotkaß’ betreffen unbekannte Briefe und Einzelheiten über Marggraf und Achard, die Bestechungsangebote an Achard, Albrecht Daniel Thaer, den Würfelzucker und seinen Erfinder. Außerdem veröffentlichte Grotkaß in den Zuckerzeitschriften bis 1940 zahlreiche Berichte über die internationale und die deutsche Zuckerwirtschaft sowie den Weltzuckermarkt, über die Zuckerindustrien in Deutschland, England, den USA, Rußland und Kuba, über Rübensorten und Rübensamen sowie ferner Buchbesprechungen u.a.m. Die intensive Beschäftigung mit der Geschichte der Rübenzuckerindustrie regte Grotkaß an, Bücher, Bilder, Dokumente und Gegenstände zu deren Frühgeschichte zu sammeln. Mit seiner Sammlung richtete er auf der Jahresschau des Bäcker- und Konditoren-Gewerbes 1934 in Berlin eine historische Zucker-Ausstellung aus. Zu sehen waren u.a. Zuckerhutformen, ein Faksimile von dem C.E. Fischer- Gemälde (Achard überreicht dem preußischen Königspaar 1799 einen Zuckerhut), Großreproduktionen von Achard-Brief und -Bild, Karikaturen, Plakaten sowie eine rekonstruierte Zeichnung von “Europas größter Rübenzuckerfabrik während der Kontinentalsperre erbaut von Johann Wilhelm Placke in Magdeburg-Neustadt”. (Dt. Zuckerind. 59 (1934) 823) Grotkaß war in Magdeburg eine stadtbekannte Persönlichkeit sowie ein gefragter Gesprächspartner und u.a. Mitglied des Ruderclubs ,,Werder” sowie des Schwimmsport-Club ,,Hellas”. Das große Bombardement auf Magdeburg am 16. Januar 1945 hat er überlebt. Im letzten Adreßbuch der Stadt von 1950/51 (der Text dazu war sicher schon 1949 fertig) ist er noch als Kaufmann mit Wohnsitz in der Hegelstraße 40 aufgeführt, dann ist sein Verbleib unbekannt. Das letzte Lebenszeichen von ihm vermittelte uns Frau Fichte aus Magdeburg, die Grotkaß Ende der 40er Jahre kennengelernt hatte. Gelegentlich berichtete er ihr über seine Reisen nach West-Berlin, Zuckerind. 121 (1996) Nr. 8 659 wo er mit verschiedenen Verlagen Kontakte hatte. Einmal sei er nur mit knapper Mühe und Not einer Kontrolle entkommen, als er einen Rucksack voll Fachzeitschriften nach Magdeburg schmuggelte. Weihnachten 1949 riß dieser Kontakt ab. Grotkaß hatte seinen nächsten Besuch für das neue Jahr angekündigt, ist aber nicht wieder aufgetaucht. Alle Erkundigungen Frau Fichtes führten zu keinem Ergebnis. In den ersten Jahren nach Kriegsende sind im östlichen Teil Deutschlands, der Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR, zahlreiche Personen plötzlich verschwunden und nie mehr aufgetaucht. Ohne Gerichtsurteile oder gar faire Prozesse wurden Tausende in sogenannte Internierungslager gepfercht und kamen um. Aller Wahrscheinlichkeit hat auch Grotkaß dieses Schicksal ereilt. Eine Zeitzeugin, Frau Helene Lesse, seit 1921 Mitarbeiterin des Centralblattes für die Zuckerindustrie, die Grotkaß seit Jahren kannte und sich 1950 nach West-Berlin abgesetzt hat, berichtete, daß er von den Russen angeblich als amerikanischer Spion verhaftet worden sei. Erst nach dem Zusammenbruch der DDR und dem Abzug der Russen konnten in Magdeburg Nachforschungen nach dem Verbleib von Grotkaß angestellt werden. Jedoch waren alle Nachfragen beim ,,Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik”, beim Roten Kreuz, bei der US-Botschaft in Bonn und dem US-Generalkonsulat in Berlin, dem U.S. Departement of State, Passport Office in Washington, und dem National Archives in College Park, Maryland, erfolglos: nirgends liegen Akten vor. Für ihre Mithilfe danken wir: dem Magdeburger Schwimmsport-Club ,,Hellas”, der Magdeburger Tageszeitung ,,Volksstimme”, Herrn Apotheker Dr. H.J. Bauer, Magdeburg, Frau Charlotte Fichte, Magdeburg und vielen ungenannten Magdeburger Bürgern. Zuckerhistorische Veröffentlichungen von Rudolf E. Grotkass Die Rübenzuckerfabrikation im Magdeburgischen. VZ 75 (1925) II, 875-902 Die Geschichte der Zuckerfabrikation Deutsch-Oesterreichs von ihren ersten Anfängen bis zur Gründung des Zuckerfabrik Staatz im Jahre 1830. VZ 76 (1926) II, 663-683 Die Entwicklung des Kampfes zwischen Rüben- und Rohrzucker um den Weltmarkt von den ersten Anfängen bis heute. Cbl. 34 (1926) 509-508 Die Zuckerfabrikation im Magdeburgischen, ihre Geschichte vor und während der Kontinentalsperre sowie weiter bis zum Jahre 1827, dem Beginn der neuen Periode. 242 S. Eilers-Verlag, Magdeburg 1927 Fragmente zur Geschichte des Rübensamens und der Rübenzucht. Cbl. 35 (1927) 359-361, 392-393 Fragmente zur Geschichte des Rübensamens und der Rübenzucht. Teil II. Cbl. 37 (1929) 99-103 Franz Carl Achards Beziehungen zum Auslande, seine Anhänger und Gegner. Cbl. 37 (1929) 585-593, 1381-1382, 1410-1412, 1439-1440, 1470; 38 (1930) 45-46, 78-80, 109-110, 138-139, 170-171. (Sonderdruck, umgearbeitet mit Register) Unbekannte Briefe und Einzelheiten über Marggraf und Achard. DZ 56 (1931) 604-606 Fragmente zur Geschichte des Rübensamens und der Rübenzucht. Teil III. Cbl. 39, 1122-1125 Zu den Bestechungsangeboten an Achard. DZ 58 (1933) 36-37 Albrecht Daniel Thaer als Stärkezuckerfabrikant und Gegner des Rübenzuckers. Chem.Ztg. (Köthen), 57 (1932) 29-31 Die Geschichte des Würfelzuckers und seines Erfinders Jacob Christoph Rad. DZ 58 (1933) 941-944, 962-963, 980-982 Cbl. Centralblatt für die Zuckerindustrie, Magdeburg DZ Die Deutsche Zuckerindustrie, Berlin VZ Zeitschrift des Vereins der Deutschen Zuckerindustrie, Berlin

 

Year: 1996
Volume: 121
No.: 8
Page: 658-659

Language: de

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